Ich wünschte, ich hätte ihn 5 Jahre später kennengelernt

Hey liebes Team

Seit mehr als einem Jahr bin ich (22) mit meinem Freund zusammen. Ich war eigentlich immer glücklich, wir hatten auch nie einen grösseren Streit oder sonst irgend ein Drama oder so was. Er ist wirklich sehr tolerant, lieb, verständnisvoll - ich glaube, mit ihm könnte ich eine gute Zukunft haben. In letzter Zeit jedoch fühle ich mich nicht mehr 100% wohl. Zuerst einmal, muss ich gestehen, sieht unser Sexleben in letzter Zeit nicht sehr toll aus. Wir schlafen nur noch selten miteinander. Ich weiss, dass er gerne mehr hätte, aber ich kann einfach nicht, wenn ich keine Lust verspüre. Er weiss das und nimmt auch hier Rücksicht auf mich. Zuerst hatte ich das Gefühl, dass diese Unlust von der Pille kommt, weshalb ich sie vor gut 1.5 Monaten abgesetzt habe. Zurzeit verhüte ich also ganz ohne Hormone. Doch wird es einfach nicht besser. Es ist für mich eigentlich völlig fremd, dieses Gefühl. Vor ca. 1 bis 1/2 Jahr bestimmte Sex sozusagen mein Leben. Ich war auch experimentierfreudig etc, es passte also alles gut mit meinem Freund. Ich muss noch sagen, dass ich etwa zu dem Zeitpunkt, als ich die Pille absetze, eine sehr wichtige und eine mit mir engverbundene Person aus der Familie sehr unerwartet verloren habe. Dies belastet mich ein bisschen, was ich aber denke, ist normal. Ich stelle mir jedoch bezüglich meiner Beziehung in letzter Zeit oft die Frage, ob meine aktuelle Situation/Gefühlslage dafür verantwortlich ist, dass ich mich nicht mehr so wohl fühle. Oder ob es vielleicht daran liegt, dass das "berühmte" 1. Jahr unserer Beziehung nun vorbei ist und es deshalb halt ein bisschen langweilig wird - oder ob ich es wirklich einfach nicht mehr will. Gleichzeitig weiss ich aber, dass wenn ich ihn verlassen würde, ich es früher oder später bereuen würde, da ich weiss, dass er ein anständiger, ehrlicher Mensch ist, der mich liebt und respektiert, und deshalb viel für mich tut/tun würde. Ich wünschte mir, ich hätte ihn 5 Jahre später kennengelernt, wenn ich mich wirklich "niederlassen" will. Denn im Moment habe ich immer öfters den Gedanken, wie schön und locker und einfach es wäre, wenn ich single und "frei" sein würde und machen könnte was ich wollte - ein bisschen hier und da flirten und mal mit jemanden ins Bett gehen, ohne dass es irgendetwas bedeutet oder einen zu irgendetwas verpflichtet. Und wiederum weiss ich, dass ich ihm zutiefst das Herz brechen würde, dass es ihn wie aus heiterem Himmel treffen würde und ich mich absolut schrecklich dabei fühlen würde. Momentan möchte ich sowieso nicht unüberlegt handeln, doch stellt sich mir, wie gesagt, schon die Frage, ob das alles nur temporär wegen meiner allgemeinen Stimmung so ist oder ob wirklich etwas dran ist. Vielleicht könnt ihr mir helfen, meine Gedanken zu ordnen und mir etwas Klarheit zu verschaffen. Ich danke euch.

Er liebt Dich. Wie genau sind Deine Gefühle?

Liebe Frida

Du schreibst über viele Gründe, warum Du mit ihm zusammen bist und Du nicht Schluss machen willst/solltest. Und bei jedem Grund schwingt ein riesiges ABER mit. Du schreibst, dass er Dich liebt, doch eigentlich nichts über Deine Gefühle ihm gegenüber. Du spürst zwar Mitleid und Reue, weil Du ihn nicht verletzen willst. Das ist aber nicht Liebe, sondern eher schlechtes Gewissen. Schlechtes Gewissen, weil sich die Beziehung nicht mehr richtig für Dich anfühlt. Doch deswegen darfst Du kein schlechtes Gewissen haben. Das ist so hart, aber man kann die Liebe nicht steuern, also trägst Du keine Schuld an Deinen Gefühlen. So, wie ich Deine Worte lese und verstehe, willst Du einfach nicht mehr - wie Du geschrieben hast. Würde es an einer aktuelle schwierigen Situation in Deinem Leben liegen, müsstest Du Dich doch eigentlich froh und sicher fühlen, jemanden zu haben, der Dich in dieser Zeit unterstützt. Nach dem ersten Jahr ist die Beziehung natürlich nicht mehr so wie zu Beginn. Doch sie schläft nicht einfach ein. Sie wird anders, vielleicht ruhiger, aber nicht "weniger" in dem Sinn. Der Sex wird schon seltener, aber eigentlich schon nicht so, dass man von experimentierfreudig auf Null Lust kommt. Und wenn der Sex weniger wird, füllt sich die Beziehung dafür mit anderen Sachen, wie Geborgenheit, Rituale, Unterstützung, Entspannung, aber auch freudiger Ausblick auf gemeinsame Abenteuer und Herausforderungen, eine realistische Lebensplanung, tieferes Ankommen im Leben des anderen inklusive Freundeskreis und Familie etc. Es gibt natürlich kein allgemein gültiger "richtiger" Verlauf einer Beziehung, doch so wie Du es beschreibst, scheint bei Dir die Luft schon ziemlich draussen zu sein. Ich verstehe, dass er ein wirklich guter Mensch und Freund ist. Doch das macht ihn einfach zu einem guten Menschen, mehr nicht. Es macht ihn nicht zum Richtigen an Deiner Seite. Wer weiss, vielleicht ist Dein perfekter Partner gar nicht ein so guter Mensch. Doch Du würdest Dich verliebt, freudig, sicher und voller Energie bei ihm fühlen. Ich denke, so würde sich eine gute Beziehung anfühlen. Ich hoffe, ich Dir durch meine Eindrücke etwas weitergeholfen zu haben.

Liebe Grüsse, Mika

 

 


Rubrik: Beziehung Verliebt sein

Zurück