Mein Vater ist Alkoholiker und sehr verletzend

Ich wohne bei meinem Vater. Er ist Alkoholiker und wird sehr verletzend mit Worten und Gegenständen. Dass er handgreiflich wird ist, für mich eig kein Problem, aber was er sagt, macht mich psychisch total fertig. Er gibt mir die Schuld am Tod meiner Mutter, die 2007 verstorben ist. Mein Halbbruder hat seit Jahren keinen Kontakt mit meinem Vater. Mein Vater verbietet mir, meinen Bruder oder meine Schwester zu sehen, wenn er manchmal erfährt, dass ich mich mit Ihnen treffe od schreibe, rastet er aus.

Mich kennen viele Leute. Ich sie komischerweise nicht immer. Ich bin nicht gerade beliebt. Ich kiffe, um meine Gedanken zu ertragen und auch einf mal glücklich zu sein. Ich lache immer, wenn ich unter Leuten bin, aber das ist bloss gespielt. Ich lache fast nie. Ich hab seit ein par Jahren keine Gefühle mehr, keine Liebe, keine Trauer, kein Glück, ich bin emotional los, ich mag nicht mehr leben. Wenn ich raus will, lässt mein Vater es nicht zu. Er versucht mit allem mich davon abzuhalten, ich gehe trotzdem raus zu meinem besten Freund zum chillen. Ich gehe auch zu meinem Bruder und zu meiner Schwester, aber wenn ich nach Hause komme, ist mein Vater aggressiv und lässt mich nicht in Ruhe.... ich werde bald 19 und er behandelt mich wie ein Kleinkind, er ist schizophren.

Ich weiss nicht.

Schau zu Dir!

Lieber Boris

Du bist zu Hause in einer sehr schwierigen und traurigen Situation und zwar schon seit langem. Das tut mir leid zu lesen. Viele Kinder von alkoholkranken Eltern berichten, dass die Aggressionen in Worten mehr schmerzen als die körperlichen Aggressionen der Eltern. Du bist nicht alleine damit.

Ich hoffe, Du weiss sehr genau, dass Du am Tod Deiner Mutter nicht schuld bist. Das kann ich mit absoluter Sicherheit sagen, obwohl ich nicht weiss, was geschehen ist. Denn Du warst 8 Jahre alt, egal was passiert ist, Du trägst keine Schuld daran. Doch dies vom eigenen Vater immer wieder zu hören, ist hart und greift Dich tief im Inneren an. Dein Vater hat aber ein Alkoholproblem, weil er zuviel trinkt. Weil er Alkohol kauft und sich entscheidet ihn trinken. Und nicht wegen Dir oder dem Tod Deiner Mutter. Und weil er Alkohol trinkt, wird er aggressiv. Nicht deinetwegen. Er ist alleine für sein Leben und sein Verhalten verantwortlich.

So wie Du für Dein Leben verantwortlich bist. Darum musst Du Dich schützen, bei verbaler und körperlicher Aggression. Kannst Du Deine Zimmertüre abschliessen? Geh raus aus der Wohnung, wenn es zu gefährlich wird. Ruf die Polizei, wenn du Angst hast, dass etwas Schlimmes passieren könnte. Auch wenn Du bis jetzt alles hart und tapfer ertragen hast, das musst Du nicht. Du kannst heute beschliessen, dass Du für Dein Recht, keine Gewalt zu erfahren, einstehst und Dich schützt.

Halte dich nicht an die Regel, dass man nicht darüber spricht. Kinder alkoholkranker Eltern lernen schnell zu verschweigen und zu verdrängen. Du machst das ja seit ein paar Jahren, z. B. mit Gras oder mit dem Überdecken Deiner echten Gefühle. Du merkst aber selber, dass Du nicht glücklicher oder wenigstens gelassener wirst, sondern immer gefühlsloser. Jetzt beginne darüber zu reden und suche Dir Unterstützung, damit endlich noch etwas anderes Platz hat in Deinem Leben als die Geschichte Deiner Eltern.

Schau zu dir selber und achte auf Deine Bedürfnisse. Verfolge eigene Interessen und bestimme über dein Leben. Triff eigene Entscheidungen, das gibt auch wieder mehr Selbstvertrauen und Du lernst wieder zu lachen! Du hast das Recht, glücklich zu sein. Es ist gut, dass Du Dir auch ausserhalb der Wohnung Raum zum Zeit verbringen suchst. Gut, hast Du Deine Geschwister und Deinen besten Freund. Lass Dir das nicht von Deinem Vater nehmen. In Deinem Alter darfst Du selber entscheiden, wohin Du gehst und mit wem Du Kontakt hast, du bist volljährig. Und Deinem Vater wird es nicht besser gehen und er wird auch nicht weniger trinken, wenn Du Dich fügst und bei ihm bleibst. Er muss und kann seine Probleme nur alleine in den Griff kriegen. Bis jetzt hast Du es auch geschafft, Dir diesen Freiraum zu nehmen, mach weiter so und sei stolz darauf!

Mein nächster Vorschlag ist, dass Du ausziehst. Du bist alt genug, ich weiss aber nicht wie es finanziell aussieht. Du kannst Dich beim Jugendamt oder Sozialamt Deiner Gegend melden und Dich informieren, was es für junge Menschen in Deiner Lage für Möglichkeiten gibt. Und zuletzt möchte ich Dir empfehlen, dass Du eine Suchtberatung aufsuchst. Ein wichtiger Teil der Suchtberatung ist die Beratung von Angehörigen. Also Elternteil, Partner, Kind oder andere Verwandte und Freunde. Du wirst sehen, dass die Leute dort grosse Erfahrung haben mit Familien mit Alkoholikern. Sie können Dir für verschiedenen Lebensbereiche Hilfe bieten und vielleicht finden dort Du und Dein Vater sogar einen Weg, besser miteinander klarzukommen.

Ich wünsche Dir noch viel Mut und Energie auf diesem Weg! Es ist so viel besser, als der Weg der Gefühlsleere.

Liebe Grüsse, Mika


Rubrik: Selbstmordgedanken Alkohol Privatssphäre Gewalt

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